Alexander Gufler über All’essenza: „Es geht nicht darum, mehr hinzuzufügen. Es geht darum zu wissen, was man weglassen sollte.“
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Veröffentlicht von
20 Apr, 2026 -
Text von
Karolína Černochová -
913 Wörter
5 minutes
Sie arbeiten seit vielen Jahren mit Ton zusammen – sowohl als Designer als auch in einer erweiterten kreativen Rolle. Wie hat diese langjährige Beziehung Ihren heutigen Designansatz beeinflusst?
Sie verändert tatsächlich alles. Mit der Zeit wird die Beziehung weniger formell und deutlich intuitiver. Man hört auf, jeden Schritt zu erklären, weil vieles einfach verstanden wird. Ton ist für mich längst nicht mehr nur ein Kunde – es fühlt sich vielmehr wie ein langfristiger Partner oder sogar wie Familie an. Das bringt eine gewisse Verantwortung mit sich, aber auch Freiheit. Da ich genau weiß, wie das Unternehmen funktioniert, wie es produziert, wo seine Grenzen liegen und welche Produkte wirklich zu seiner Welt gehören, kann ich heute viel präziser entwerfen – nicht abstrakt, sondern sehr bodenständig.
Ihre frühen Arbeiten waren deutlich komplexer. Heute wirken Ihre Entwürfe jedoch viel einfacher. Was hat zu diesem Wandel geführt?
Mein erster Stuhl war tatsächlich sehr kompliziert – mit viel Massivholz und aufwendiger CNC-Bearbeitung. Ich mag ihn immer noch, aber ich habe ziemlich schnell erkannt, dass er schwierig zu produzieren sein würde. Diese Erfahrung hat mich in die entgegengesetzte Richtung geführt. Ich begann mich zu fragen: „Was passiert, wenn ich Dinge weglasse, statt sie hinzuzufügen?“ Das war ein Wendepunkt. Seitdem interessiert mich die Reduktion. Reduktion bedeutet jedoch nicht, etwas leer zu machen, sondern die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es geht darum, nur das zu behalten, was wirklich wichtig ist.
Die Idee der Reduktion scheint in All’essenza sehr präsent zu sein. Wie würden Sie den Stuhl innerhalb Ihrer Arbeit für Ton beschreiben?
Für mich ist All’essenza eine Art Verbindungspunkt. Auf der einen Seite steht Merano – sehr geometrisch und präzise. Auf der anderen Seite La Zitta – weicher, fließender und entspannter. All’essenza liegt irgendwo dazwischen. Er bringt diese beiden Stilrichtungen auf ruhige Weise zusammen. Er versucht nicht zu dominieren, sondern fügt sich ganz selbstverständlich in die Kollektion ein.
Der Name deutet auf „Essenz“ hin. Was bedeutet das in diesem Fall?
Es geht darum, zur Essenz dessen zurückzukehren, was ein Stuhl ist. Die Struktur ist bewusst reduziert: vier Beine, eine Sitzfläche und eine Rückenlehne. Doch gerade in dieser Einfachheit gewinnt jedes Detail an Bedeutung. Es gibt keinen Ort, an dem man sich verstecken kann. Proportionen, Übergänge und feine Linien – alles muss präzise aufeinander abgestimmt sein. Genau das bedeutet für mich hier „Essenz“.
Sie betonen oft die Proportionen. Warum sind sie für ein solches Design so entscheidend?
Weil es nichts anderes gibt, was ablenkt. Wenn man etwas sehr Ausdrucksstarkes entwirft, konzentrieren sich die Menschen auf die Geste. Wenn das Objekt jedoch reduziert ist, bleibt nur die Balance – und diese Balance wird durch Proportionen definiert. Schon ein Unterschied von ein oder zwei Millimetern kann verändern, wie sich der Stuhl anfühlt. Menschen können es vielleicht nicht erklären - aber sie werden es immer spüren.
Wie wissen Sie persönlich, wann sich etwas richtig anfühlt?
Es ist eine trainierte Intuition. Man arbeitet viele Versionen durch und nimmt dabei laufend Anpassungen vor. Manchmal ist der wichtigste Schritt, aufzuhören und den Entwurf für ein paar Tage liegen zu lassen, um dann mit frischem Blick zurückzukehren. Wenn etwas nicht stimmt, sieht man es sofort. Wenn es stimmt, spürt man es ebenfalls sofort. Es ist eine sehr körperliche Reaktion.
Die Rückenlehne ist eines der Schlüsselelemente von All’essenza. Wie sind Sie an ihre Entwicklung herangegangen?
Es war ein ständiges Testen. Wir haben mit Menschen unterschiedlicher Körperformen gearbeitet, um eine Form zu finden, die für alle bequem ist. Gleichzeitig mussten wir die Grenzen des Materials respektieren. Die endgültige Form ist daher immer ein Kompromiss – zwischen Komfort, dem Verhalten des Materials und der Logik der Produktion.
Wo sehen Sie All’essenza im Einsatz?
Von Anfang an war klar, dass er im Hospitality-Bereich sehr gut funktionieren würde. Tons Stärke liegt in Restaurants, Cafés und Hotels. Der Stuhl ist jedoch auch vielseitig genug für Büros oder private Wohnräume. Diese Vielseitigkeit war wichtig. Er sollte nicht auf ein einziges Umfeld beschränkt sein.
Die Polsterung fügt eine subtile Ebene des Details hinzu. Was war der Gedanke hinter dieser Entscheidung?
Es begann als technische Notwendigkeit. Bei einer dreidimensionalen Schale kann man nicht einfach ein flaches Stück Stoff aufbringen, da sonst Luftblasen entstehen würden. Also mussten wir mit Nähten und kleineren Segmenten arbeiten. Dann erkannten wir jedoch, dass diese Einschränkung auch eine Chance sein kann. Weil der Stuhl so minimalistisch ist, verleiht dieses Detail ihm eine gewisse Tiefe, ohne dominant zu wirken.
Wenn Sie den Stuhl in drei Worten beschreiben müssten- welche wären das?
Einfach. Ausgewogen. Essenziell.
All´ essenza: Sit light. Stack tight.

„Wenn die Form die richtigen Proportionen erhält und das Design sich auf das Wesentliche zurückzieht, bleibt nur die Essenz übrig. ‚All’essenza‘ ist ein Stuhl, der das Gleichgewicht zwischen Schlichtheit, Komfort und zeitloser Eleganz findet."